Abschiedsbrief eines "Sorgenkindes"

Lieber Alfred
Ich sitze im Schnellzug. Mir gegenüber öffnet jemand die Morgenzeitung, und plötzlich schaust Du mir aus einem Bild auf der Titelseite in die Augen. Seltsam.

Als Du mich in der Nacht vor Deinem Tode um ein Uhr anriefst und mich fragtest, was wohl geschieht, wenn Du stirbst, antwortete ich halb schlafend, halb scherzend: "Ich schreibe Deine Totenrede." Stunden später bekam dieser Satz eine ganz andere Bedeutung.

Als Meister von Dichtung und Prosa weißt Du um die Unzulänglichkeiten der Sprache in gewissen Bereichen. Ich will also versuchen, mit begrenzten Mitteln Unbegrenztes zu benennen.

Dein Leben galt den Menschen: den jungen, den älteren, den alten, den Kindern, den erfolgreichen, den suchenden, den mittelmässigen und - den gescheiterten. Vor allem ihnen schenktest Du Deine ganze Energie, Dein Vermögen und auch Deine Gesundheit. So ein Satz ist schnell geschrieben. Das Leben, das dahinter steht, dauert länger. Es ist hart, intensiv, fordernd, verbrauchend – und schön.

Ausgerüstet mir einem Register von Talenten, um die ich Dich zu Deiner steten Belustigung immer gewaltig beneidet habe, führte es Dich durch die komplexeinfache Welt der Theologie in den Priesterstand, dann zu den rauschenden Höhen des Musik-Erfolges, der Dich schliesslich an jene Aufgabe heranführte, bei der man immer eine Minute zu spät kommt.

Du wusstest um diese Minute und um die Tatsache, dass sie den stärksten Menschen in recht kurzer Zeit verbraucht.

Wenn jemand ein Rennen läuft, das er nicht gewinnen kann, braucht er Kraft und einen ungeheuer breiten Horizont. So jemand - jemand wie Du - überwindet starre und überholte Verhaltensmuster und tut dann ganz selbstverständlich Dinge, an denen sich seine Umgebung stösst. So war Dir denn die Weste Deiner Heimatstadt auch all die Jahre hindurch zu eng, und du botest ein leichtes Ziel für diejenigen, die von Konventionen leben. Die Welt ist noch etwas zu eng für Deine Idee und für ein Christentum, das keine Nachwuchsprobleme kennt.

Du warst unkonventionell und machtest vielen Mühe, auch denen, die Dir nahe standen. Ein Mensch, der Theologe, Psychologe und Künstler ist, und der so sensibel und emotional bestimmt reagiert, ist nicht einfach im Hausgebrauch, und es bedurfte der eisernen Konstitution Deiner Mutter, um das Schiff an der Dorfstrasse immer wieder auf Kurs zu bringen.

Es kam immer wieder auf Kurs, und Du zeigtest uns eine schillernde Welt damit, die wir zwar immer vor uns sahen, aber nie wahrnahmen: kreuz und quer durch die Etagen der Gesellschaft und an den verschiedenen Gesichtern des Lebens vorbei, stets versuchend, Menschen zu verbinden durch Deinen ungeheuren Willen zum Guten.

Langsam setzte sich für mich aus vielen Steinen - Stärken, Schwächen, Ideen, Taten, Hoffnungen und ängsten - das Mosaik einer Persönlichkeit zusammen, von der Reinhold Messner sagte: "Ich begrüsse das Licht in Dir."

Mein Gegenüber im Zug hat schon lange weitergeblättert. Dein Bild ist verschwunden, doch das Licht wird bleiben, denn Du hast einmal geschrieben:
was jetzt noch bleibt, das ist die Liebe, nach der allein man uns einst misst.